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Der EU AI Act kommt: Sind Ihre KI-Systeme compliant?

Der EU AI Act kommt: Sind Ihre KI-Systeme compliant?

Der EU AI Act ist das weltweit erste umfassende Gesetz zur Regulierung von Künstlicher Intelligenz. Ab 2025 treten die ersten Bestimmungen in Kraft, und bis 2027 werden alle Anforderungen verpflichtend. Für Unternehmen bedeutet das: Jetzt handeln oder später büßen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Was ist der EU AI Act?

Der EU AI Act (Verordnung über Künstliche Intelligenz) ist ein Regelwerk der Europäischen Union, das den Einsatz von KI-Systemen reguliert. Das Ziel: Künstliche Intelligenz soll sicher, transparent und grundrechtskonform eingesetzt werden.

Zeitplan

DatumMeilenstein
August 2024Verordnung tritt in Kraft
Februar 2025Verbote für inakzeptable KI-Praktiken gelten
August 2025Regeln für General Purpose AI (GPAI) gelten
August 2026Vollständige Anwendung für Hochrisiko-KI
August 2027Compliance für alle KI-Systeme

Für wen gilt der EU AI Act?

Die Verordnung gilt für:

  • Anbieter von KI-Systemen (Entwickler, Hersteller)
  • Betreiber von KI-Systemen (Unternehmen, die KI einsetzen)
  • Importeure und Händler von KI-Systemen
  • Alle Unternehmen, die KI-Systeme in der EU anbieten oder nutzen. Unabhängig vom Firmensitz

Das bedeutet: Auch wenn Sie ein US-amerikanisches KI-Tool nutzen, müssen Sie als Betreiber Compliance sicherstellen.

Der risikobasierte Ansatz

Das Kernprinzip des EU AI Act ist die Einstufung von KI-Systemen nach Risikokategorien. Je höher das Risiko, desto strenger die Anforderungen.

Unannehmbares Risiko (Verboten)

Diese KI-Praktiken sind ab Februar 2025 verboten:

  • Social Scoring durch Behörden
  • Biometrische Echtzeit-Identifikation in öffentlichen Räumen (mit Ausnahmen für Strafverfolgung)
  • Manipulation durch unterschwellige Techniken
  • Ausnutzung von Schwächen bestimmter Personengruppen
  • Emotionserkennung am Arbeitsplatz und in Bildungseinrichtungen (mit Ausnahmen)
  • Biometrische Kategorisierung nach sensiblen Merkmalen

Hochrisiko-KI-Systeme (Streng reguliert)

Hochrisiko-Systeme unterliegen umfangreichen Pflichten. Dazu gehören KI in:

Kritischer Infrastruktur:

  • Energie, Wasser, Verkehr
  • Gesundheitsversorgung

Bildung und Berufsausbildung:

  • Prüfungsbewertung
  • Zulassungsentscheidungen

Beschäftigung und Personalwesen:

  • CV-Screening und Bewerberauswahl
  • Leistungsbeurteilung
  • Beförderungsentscheidungen

Zugang zu Dienstleistungen:

  • Kreditwürdigkeitsprüfung
  • Versicherungsrisikobewertung
  • Sozialleistungen

Strafverfolgung und Justiz:

  • Risikobewertung bei Straftätern
  • Beweismittelanalyse

Migration und Grenzkontrolle:

  • Visumsbearbeitung
  • Risikobewertung

Begrenztes Risiko (Transparenzpflichten)

Diese Systeme müssen Transparenzanforderungen erfüllen:

  • Chatbots und Conversational AI: Nutzer müssen wissen, dass sie mit KI interagieren
  • Deepfakes: KI-generierte Inhalte müssen gekennzeichnet werden
  • Emotionserkennung: Nutzer müssen informiert werden

Minimales Risiko (Keine spezifischen Anforderungen)

Die meisten KI-Anwendungen fallen in diese Kategorie:

  • Spam-Filter
  • Empfehlungssysteme
  • KI-gestützte Videospiele
  • Bestandsmanagement

Anforderungen für Hochrisiko-KI-Systeme

Wenn Ihr Unternehmen Hochrisiko-KI-Systeme entwickelt oder einsetzt, müssen Sie folgende Anforderungen erfüllen:

1. Risikomanagementsystem

Sie müssen ein Risikomanagementsystem etablieren, das:

  • Risiken identifiziert und bewertet
  • Maßnahmen zur Risikominimierung definiert
  • Restrisiken dokumentiert
  • Kontinuierlich aktualisiert wird

2. Daten-Governance

Die Trainingsdaten müssen:

  • Relevant, repräsentativ und möglichst fehlerfrei sein
  • Auf Verzerrungen (Bias) geprüft werden
  • Dokumentiert und nachvollziehbar sein

3. Technische Dokumentation

Umfassende Dokumentation ist erforderlich:

  • Allgemeine Beschreibung des Systems
  • Entwicklungsprozess und Methoden
  • Leistungsmetriken und Grenzen
  • Überwachungs- und Wartungsinformationen

4. Aufzeichnungspflichten (Logging)

KI-Systeme müssen Aktivitäten protokollieren:

  • Automatische Aufzeichnung relevanter Ereignisse
  • Speicherung für angemessenen Zeitraum
  • Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen

5. Transparenz

Nutzer müssen informiert werden über:

  • Art und Zweck des KI-Systems
  • Wie das System funktioniert
  • Mögliche Risiken und Grenzen
  • Kontaktinformationen des Anbieters

6. Menschliche Aufsicht

Es muss möglich sein:

  • Das System zu überwachen
  • Bei Bedarf einzugreifen
  • Das System abzuschalten

7. Genauigkeit, Robustheit, Cybersicherheit

Das System muss:

  • Angemessene Genauigkeit erreichen
  • Robust gegen Fehler und Angriffe sein
  • Cybersicherheitsstandards erfüllen

Bußgelder bei Verstößen

Der EU AI Act sieht erhebliche Strafen vor:

VerstoßMaximales Bußgeld
Verbotene KI-Praktiken35 Mio. EUR oder 7% des weltweiten Jahresumsatzes
Verstöße gegen Hochrisiko-Anforderungen15 Mio. EUR oder 3% des weltweiten Jahresumsatzes
Falsche Angaben gegenüber Behörden7,5 Mio. EUR oder 1% des weltweiten Jahresumsatzes

Für KMU und Startups können die Bußgelder niedriger ausfallen, aber sie sind immer noch erheblich.

Wie ein CAIO die Compliance sicherstellt

Ein Chief AI Officer ist zentral für die EU AI Act Compliance:

Inventarisierung

  • Erstellt ein vollständiges Inventar aller KI-Systeme
  • Klassifiziert Systeme nach Risikokategorien
  • Identifiziert Compliance-Lücken

Governance-Aufbau

  • Etabliert Rollen und Verantwortlichkeiten
  • Entwickelt Richtlinien und Prozesse
  • Implementiert Risikomanagementsystem

Compliance-Implementierung

  • Stellt sicher, dass Dokumentationsanforderungen erfüllt werden
  • Implementiert Logging und Monitoring
  • Gewährleistet menschliche Aufsicht

Schulung

  • Schult Mitarbeiter zu Compliance-Anforderungen
  • Sensibilisiert für ethische KI-Nutzung
  • Etabliert Compliance-Kultur

Kontinuierliche Überwachung

  • Überwacht Regulatory Updates
  • Passt Systeme und Prozesse an
  • Führt regelmäßige Audits durch

Checkliste: Ist Ihr Unternehmen bereit?

Sofort-Maßnahmen (Q1 2025)

  • Vollständiges Inventar aller KI-Systeme erstellen
  • Risiko-Klassifizierung durchführen
  • Verbotene Praktiken identifizieren und eliminieren
  • Verantwortlichkeiten definieren (CAIO oder AI Governance Officer)

Kurzfristig (Q2-Q4 2025)

  • Risikomanagementsystem etablieren
  • Dokumentationsanforderungen erfüllen
  • Transparenzpflichten umsetzen
  • Mitarbeiter schulen

Mittelfristig (2026)

  • Vollständige Compliance für Hochrisiko-Systeme
  • Logging und Monitoring implementiert
  • Regelmäßige Audits etabliert
  • Kontinuierliche Verbesserung

Praxisbeispiele: Was bedeutet das konkret?

Beispiel 1: HR-Software mit CV-Screening

Situation: Ihr Unternehmen nutzt eine KI-gestützte Software, die Bewerbungen vorfiltert.

Klassifizierung: Hochrisiko (Beschäftigung)

Erforderliche Maßnahmen:

  • Dokumentation des Scoring-Algorithmus
  • Prüfung auf Diskriminierung (Gender, Alter, Herkunft)
  • Menschliche Überprüfung vor Ablehnungsentscheidungen
  • Information der Bewerber über KI-Einsatz
  • Logging aller Entscheidungen

Beispiel 2: Chatbot für Kundenservice

Situation: Ihr Kundenservice nutzt einen KI-Chatbot.

Klassifizierung: Begrenztes Risiko (Transparenzpflicht)

Erforderliche Maßnahmen:

  • Kunden müssen wissen, dass sie mit KI kommunizieren
  • Klare Kennzeichnung als Chatbot
  • Möglichkeit, einen Menschen zu kontaktieren

Beispiel 3: Predictive Maintenance in der Produktion

Situation: KI sagt voraus, wann Maschinen gewartet werden müssen.

Klassifizierung: Minimales Risiko (keine spezifischen Anforderungen)

Empfohlene Maßnahmen:

  • Freiwillige Dokumentation (Best Practice)
  • Qualitätssicherung der Vorhersagen
  • Monitoring der Modellperformance

Das Wichtigste

Der EU AI Act ist keine ferne Zukunftsmusik. die ersten Anforderungen gelten bereits 2025. Unternehmen, die jetzt handeln, haben einen klaren Vorteil: Sie vermeiden Bußgelder, bauen Vertrauen auf und können KI verantwortungsvoll als Wettbewerbsvorteil nutzen.

Die Schlüsselschritte:

  1. Inventarisieren Sie alle KI-Systeme
  2. Klassifizieren Sie nach Risikokategorien
  3. Etablieren Sie ein Governance-Framework
  4. umsetzen Sie die erforderlichen Maßnahmen
  5. Überwachen und verbessern Sie kontinuierlich

Ein erfahrener CAIO kann diesen Prozess erheblich beschleunigen und sicherstellen, dass Ihr Unternehmen nicht nur compliant ist, sondern KI auch strategisch optimal einsetzt.

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