Governance12 Min. Lesezeit

KI und DSGVO: Was Sie rechtlich beachten müssen

KI und DSGVO: Was Sie rechtlich beachten müssen

Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) stellt hohe Anforderungen an den Umgang mit personenbezogenen Daten, und KI-Systeme verarbeiten davon oft große Mengen. Dieser Artikel erklärt, was Sie rechtlich beachten müssen, um KI DSGVO-konform einzusetzen.

Warum KI und Datenschutz eine besondere Herausforderung sind

Das Spannungsfeld

KI und Datenschutz stehen in einem natürlichen Spannungsverhältnis:

KI braucht Daten:

  • Große Mengen für Training
  • Oft personenbezogene Daten
  • Historische Daten für Muster
  • Kontinuierliche Daten für Verbesserung

DSGVO fordert Datenminimierung:

  • Nur notwendige Daten
  • Zweckbindung
  • Speicherbegrenzung
  • Betroffenenrechte

Typische KI-Datenschutz-Risiken

RisikoBeschreibungBeispiel
Unerlaubte VerarbeitungVerarbeitung ohne RechtsgrundlageTraining mit Kundendaten ohne Einwilligung
ZweckentfremdungNutzung für anderen als ursprünglichen ZweckMarketingdaten für HR-Scoring
Mangelnde TransparenzBetroffene wissen nicht von KI-EinsatzAutomatisierte Entscheidungen ohne Information
ProfilbildungUmfassende Profile aus verschiedenen QuellenZusammenführung von Online-/Offline-Daten
DatenlecksPersonenbezogene Daten in ModellenModel Inversion Attacks

DSGVO-Grundlagen für KI

Relevante Artikel im Überblick

Artikel 5 - Grundsätze:

  • Rechtmäßigkeit, Verarbeitung nach Treu und Glauben, Transparenz
  • Zweckbindung
  • Datenminimierung
  • Richtigkeit
  • Speicherbegrenzung
  • Integrität und Vertraulichkeit

Artikel 6 - Rechtsgrundlagen:

  • Einwilligung
  • Vertragserfüllung
  • Rechtliche Verpflichtung
  • Lebenswichtige Interessen
  • Öffentliches Interesse
  • Berechtigte Interessen

Artikel 13/14 - Informationspflichten:

  • Information über Verarbeitung
  • Zweck und Rechtsgrundlage
  • Empfänger der Daten
  • Speicherdauer
  • Betroffenenrechte
  • Bei automatisierten Entscheidungen: aussagekräftige Informationen über Logik

Artikel 22 - Automatisierte Entscheidungsfindung:

  • Recht, nicht einer ausschließlich automatisierten Entscheidung unterworfen zu werden
  • Ausnahmen bei Vertrag, Rechtsvorschrift, ausdrücklicher Einwilligung
  • Mindestens menschliche Überprüfung, Standpunkt darlegen, Anfechtung

Artikel 35 - Datenschutz-Folgenabschätzung:

  • Erforderlich bei hohem Risiko für Rechte und Freiheiten
  • Insbesondere bei Profiling mit rechtlicher Wirkung
  • Systematische Bewertung und Überwachung

Besondere Kategorien personenbezogener Daten

Nach Artikel 9 DSGVO gelten verschärfte Anforderungen für:

  • Rassische/ethnische Herkunft
  • Politische Meinungen
  • Religiöse Überzeugungen
  • Gewerkschaftszugehörigkeit
  • Genetische Daten
  • Biometrische Daten
  • Gesundheitsdaten
  • Sexualleben/sexuelle Orientierung

Für KI bedeutet das:

  • Besondere Vorsicht bei Modellen, die diese Daten nutzen
  • Strenge Rechtsgrundlagen erforderlich
  • Häufig zusätzliche Schutzmaßnahmen nötig

Datenschutz im KI-Lebenszyklus

Phase 1: Datensammlung und -aufbereitung

Rechtliche Anforderungen:

  • Rechtsgrundlage für Datenerhebung prüfen
  • Zweckkompatibilität mit ursprünglicher Erhebung
  • Informationspflichten erfüllen
  • Bei Bedarf Einwilligung einholen

Praktische Maßnahmen:

  • Datenquellen dokumentieren
  • Rechtsgrundlagen je Datenquelle erfassen
  • Privacy Impact Assessment durchführen
  • Anonymisierung/Pseudonymisierung prüfen

Checkliste Datensammlung:

  • Rechtsgrundlage für alle Datenquellen identifiziert
  • Zweckkompatibilität geprüft
  • Betroffene informiert
  • Sensible Datenkategorien identifiziert
  • Anonymisierung/Pseudonymisierung wo möglich

Phase 2: Training

Rechtliche Anforderungen:

  • Training ist Verarbeitung im Sinne der DSGVO
  • Rechtsgrundlage erforderlich
  • Auch Testdaten unterliegen DSGVO

Praktische Maßnahmen:

  • Separate Rechtsgrundlage für Training dokumentieren
  • Anonyme/synthetische Daten wo möglich nutzen
  • Zugriffsbeschränkungen für Trainingsdaten
  • Löschkonzept für Trainingsdaten

Optionen für datenschutzfreundliches Training:

  1. Anonymisierung: Personenbezug vollständig entfernen
  2. Pseudonymisierung: Identifikatoren ersetzen
  3. Synthetische Daten: Künstlich generierte Daten mit gleicher Verteilung
  4. Federated Learning: Training auf dezentralen Daten
  5. Differential Privacy: Mathematische Garantien für Anonymität

Phase 3: Deployment und Inferenz

Rechtliche Anforderungen:

  • Transparenz über KI-Einsatz
  • Bei automatisierten Entscheidungen: Art. 22 beachten
  • Betroffenenrechte ermöglichen
  • Dokumentation der Verarbeitung

Praktische Maßnahmen:

  • Nutzer über KI-Einsatz informieren
  • Human-in-the-Loop bei relevanten Entscheidungen
  • Widerspruchs-/Anfechtungsmechanismen
  • Logging für Nachvollziehbarkeit

Phase 4: Monitoring und Wartung

Rechtliche Anforderungen:

  • Datenverarbeitung für Monitoring rechtfertigen
  • Re-Training mit neuen Daten: neue Prüfung
  • Speicherfristen beachten
  • Regelmäßige Überprüfung

Praktische Maßnahmen:

  • Logging-Konzept mit Speicherfristen
  • Anonymisierung von Monitoring-Daten
  • Regelmäßige Datenschutz-Reviews
  • Dokumentation aller Änderungen

Datenschutz-Folgenabschätzung (DSFA)

Wann ist eine DSFA erforderlich?

Nach Art. 35 DSGVO und Leitlinien der Aufsichtsbehörden ist eine DSFA insbesondere erforderlich bei:

  • Scoring/Profiling mit rechtlicher oder ähnlich erheblicher Wirkung
  • Systematischer Überwachung
  • Verarbeitung besonderer Datenkategorien in großem Umfang
  • Automatisierten Entscheidungen mit rechtlicher Wirkung
  • Einsatz neuer Technologien mit hohem Risiko

Für KI bedeutet das:

Die meisten KI-Systeme, die personenbezogene Daten verarbeiten und Entscheidungen beeinflussen, erfordern eine DSFA.

Ablauf einer DSFA für KI-Systeme

1. Beschreibung der Verarbeitung:

  • Zweck des KI-Systems
  • Art der verarbeiteten Daten
  • Beteiligte Akteure
  • Datenflüsse

2. Bewertung der Notwendigkeit und Verhältnismäßigkeit:

  • Ist KI erforderlich für den Zweck?
  • Gibt es weniger invasive Alternativen?
  • Werden nur notwendige Daten verarbeitet?

3. Risikobewertung:

  • Welche Risiken bestehen für Betroffene?
  • Wie wahrscheinlich sind diese Risiken?
  • Wie schwerwiegend wären die Folgen?

4. Maßnahmen zur Risikominimierung:

  • Technische Maßnahmen (Anonymisierung, Verschlüsselung)
  • Organisatorische Maßnahmen (Zugriffskontrollen, Schulungen)
  • Rechtliche Maßnahmen (Verträge, Einwilligungen)

5. Dokumentation und Überprüfung:

  • Vollständige Dokumentation
  • Regelmäßige Überprüfung
  • Bei Änderungen: Aktualisierung

DSFA-Template für KI-Projekte

AspektBeschreibungRisikobewertungMaßnahmen
DatenkategorienWelche Daten werden verarbeitet?Hoch/Mittel/NiedrigListe der Maßnahmen
BetroffenenkreisWer ist betroffen?Hoch/Mittel/NiedrigListe der Maßnahmen
Automatisierte EntscheidungenWelche Entscheidungen trifft das System?Hoch/Mittel/NiedrigListe der Maßnahmen
TransparenzWie werden Betroffene informiert?Hoch/Mittel/NiedrigListe der Maßnahmen
BetroffenenrechteWie werden Rechte gewährleistet?Hoch/Mittel/NiedrigListe der Maßnahmen
DatensicherheitWie werden Daten geschützt?Hoch/Mittel/NiedrigListe der Maßnahmen

Automatisierte Entscheidungen (Art. 22 DSGVO)

Was ist eine automatisierte Entscheidung?

Eine Entscheidung gilt als automatisiert, wenn sie:

  • Ausschließlich auf automatisierter Verarbeitung basiert
  • Rechtliche Wirkung entfaltet ODER erheblich beeinträchtigt

Beispiele:

  • Automatische Kreditablehnung
  • KI-gestütztes Recruiting ohne menschliche Prüfung
  • Automatische Versicherungsprämienberechnung
  • Algorithmische Kündigungsentscheidungen

Wann ist Art. 22 anwendbar?

Anwendbar wenn:

  • Entscheidung ausschließlich automatisiert
  • UND rechtliche Wirkung (z.B. Vertragsabschluss/-ablehnung)
  • ODER erhebliche Beeinträchtigung (z.B. Zugang zu Dienstleistungen)

Nicht anwendbar wenn:

  • Mensch trifft finale Entscheidung (echter Human-in-the-Loop)
  • Nur Empfehlung/Unterstützung
  • Keine erhebliche Wirkung

Ausnahmen und Anforderungen

Zulässig bei:

  1. Erforderlichkeit für Vertrag
  2. Ausdrückliche Einwilligung
  3. Rechtsvorschrift

Bei Ausnahmen zusätzlich erforderlich:

  • Angemessene Maßnahmen zum Schutz der Betroffenen
  • Mindestens: Recht auf menschliches Eingreifen
  • Recht, Standpunkt darzulegen
  • Recht auf Anfechtung

Praktische Umsetzung

Option 1: Human-in-the-Loop

  • Mensch prüft jede Entscheidung
  • Echte Entscheidungskompetenz (nicht nur Bestätigung)
  • Dokumentation der menschlichen Prüfung

Option 2: Einwilligung

  • Ausdrückliche, informierte Einwilligung
  • Hinweis auf Konsequenzen
  • Jederzeit widerrufbar
  • Alternative anbieten

Option 3: Schutzmaßnahmen

  • Informationen über Logik des Systems
  • Möglichkeit zur Anfechtung
  • Schnelle menschliche Überprüfung auf Anfrage
  • Regelmäßige Audits

Betroffenenrechte bei KI

Recht auf Information (Art. 13/14)

Bei KI-Systemen informieren über:

  • Dass KI eingesetzt wird
  • Zu welchem Zweck
  • Welche Logik zugrunde liegt
  • Welche Konsequenzen zu erwarten sind
  • Wer verantwortlich ist

Beispiel Informationstext:

"Wir nutzen ein KI-gestütztes System zur Vorauswahl von Bewerbungen. Das System analysiert Ihren Lebenslauf auf Übereinstimmung mit den Stellenanforderungen. Faktoren wie Berufserfahrung, Qualifikationen und Fähigkeiten werden berücksichtigt. Alle vom System vorgeschlagenen Kandidaten werden zusätzlich von unseren HR-Mitarbeitern geprüft, bevor eine Entscheidung getroffen wird."

Recht auf Auskunft (Art. 15)

Bei KI-Systemen:

  • Welche Daten verarbeitet werden
  • Wie die Daten genutzt werden
  • Welche Entscheidungen beeinflusst wurden
  • Aussagekräftige Informationen über die Logik

Recht auf Berichtigung (Art. 16)

Bei KI-Systemen:

  • Korrektur falscher Eingabedaten
  • Auswirkungen auf bisherige Entscheidungen prüfen
  • Bei Bedarf Neuberechnung

Recht auf Löschung (Art. 17)

Besondere Herausforderung bei KI:

  • Daten in Trainingsdaten
  • Einfluss auf Modell-Parameter
  • Praktische Umsetzung oft schwierig

Lösungsansätze:

  • Pseudonymisierung statt Klartext-Training
  • Machine Unlearning-Techniken
  • Neutraining ohne betroffene Daten

Recht auf Widerspruch (Art. 21)

Bei KI-Systemen:

  • Widerspruch gegen Profiling
  • Alternativen anbieten (manuelle Bearbeitung)
  • Schnelle Umsetzung

Best Practices für datenschutzkonforme KI

Datenschutz by Design

Von Anfang an berücksichtigen:

  • Minimale Datenerhebung planen
  • Anonymisierung/Pseudonymisierung einbauen
  • Zugriffsbeschränkungen umsetzen
  • Löschkonzepte entwickeln
  • Transparenz-Features einbauen

Datensparsamkeit bei KI

Maßnahmen:

  • Nur notwendige Features nutzen
  • Aggregierte statt Einzeldaten wo möglich
  • Zeitliche Begrenzung der Datennutzung
  • Regelmäßige Relevanzprüfung

Privacy-Preserving Machine Learning

Techniken:

  • Differential Privacy: Rauschen hinzufügen, um Rückschlüsse zu verhindern
  • Federated Learning: Training auf dezentralen Daten
  • Homomorphe Verschlüsselung: Berechnungen auf verschlüsselten Daten
  • Secure Multi-Party Computation: Verteilte Berechnungen

Dokumentation und Nachweisbarkeit

Dokumentieren:

  • Rechtsgrundlagen für alle Datenverarbeitungen
  • DSFAs für alle relevanten Systeme
  • Technische und organisatorische Maßnahmen
  • Entscheidungen und deren Begründungen
  • Änderungen am System

Auf den Punkt gebracht

DSGVO-konforme KI ist machbar. Erfordert aber sorgfältige Planung und kontinuierliche Aufmerksamkeit:

Grundprinzipien:

  1. Rechtsgrundlage vor jeder Verarbeitung prüfen
  2. Datensparsamkeit bei Entwicklung und Betrieb
  3. Transparenz gegenüber Betroffenen
  4. Betroffenenrechte aktiv ermöglichen
  5. Dokumentation aller Maßnahmen

Kritische Punkte:

  • Automatisierte Entscheidungen besonders sorgfältig prüfen
  • DSFA für die meisten KI-Systeme erforderlich
  • Besondere Kategorien personenbezogener Daten meiden oder besonders schützen
  • Human-in-the-Loop bei kritischen Entscheidungen

Der Datenschutzbeauftragte sollte von Anfang an in KI-Projekte eingebunden werden. In Zusammenarbeit mit dem CAIO lassen sich datenschutzkonforme Lösungen finden, die sowohl rechtlichen Anforderungen als auch Geschäftszielen gerecht werden.

Haben Sie Fragen zu diesem Thema?

Lassen Sie uns in einem unverbindlichen Gespräch besprechen, wie wir Sie unterstützen können.

Kontakt aufnehmen